mediAutoren-Verlag

Phil Coorain, Die Kugel – Leseprobe 1

Am Tisch in der Ecke erhob sich das Pärchen wie auf ein stummes Zeichen. Stella und Michael hoben beide reflexartig ihre Köpfe, um zu sehen, ob die beiden an ihnen vorbei kamen: Stella saß mit ihrem Stuhl halb im Weg. Ihr Körper deutete schon eine Ausweichbewegung an, als sie erstarrte: Es war weniger das Erstaunen darüber, dass es sich um zwei Männer handelte statt wie angenommen um eine Frau und einen Mann. Der eine Mann war groß und muskulös, ein wenig dicklich, mit einem eher gutmütigen, fast einfältigen Gesicht. Der andere, dessen Silhouette von hinten eher einer Frau ähnelte, wendig und zäh, mit langem, rotbraunem Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden war. Nein, während ihr Blick schon fast wieder zur Karte hinab zielte, sah sie diese braunen und schwarzen Flecken um die beiden Männer herum wabern, Kringel und Schleifen bildend: Fast wie übergroße Brez’n sahen sie aus, mit roten Rändern und von Blitzzacken überlagert, ähnlichen dem Warnzeichen für Elektrizität, schnelle rotierende Bewegungen vollführend. Das Ganze erinnerte ein wenig an einen Albtraum. Stella riss Augen und Mund auf vor Erstaunen und hielt mitten in der Bewegung inne. Als ihr Blick erschrocken und ruckartig zurück fuhr auf die Männer, war der Eindruck schon vergangen.

Doch noch ehe sich Erleichterung in ihr ausbreiten konnte, wurde sie in einen Wirbelsturm von Bildern gesogen, der sich wie ein Film etwas oberhalb ihrer Stirn vor Ihren Augen abspielte: Ein Dorf aus Steinhäusern, Berge und Bäume, eine wunderschöne, rotglühende Bergspitzenformation – war es Tag oder Nacht? –, Menschenleiber wurden durcheinander gewirbelt wie von einem unsichtbaren Sturm, darunter auch diese beiden Männer, dann eine Explosion, schrille Helligkeit, Schreie. Die Körper wurden fortgeschleudert und zerrissen, verendeten. „Tod! Überall Tod…“, stöhnte Stella unwillkürlich leise auf. Und dann erschien mitten aus dem Bild des Chaos diese alte Frau, ein Fels in der Brandung, Ruhe ausstrahlend, Sicherheit gebend, mit diesem hellen Schein um ihren Kopf herum, sah sie sie fest an und rief ihr zu: „Es ist alles in Ordnung. Keine Angst!“ Und dann war es, als spräche sie über tausende von Kilometern hinweg direkt zu ihr, als wäre diese Botschaft nur für sie bestimmt: „Keine Angst, es wird sich alles finden – du wirst mich finden, du musst mich finden. Hörst du – es ist wichtig. Du musst mich finden!“ Während Stella mit ihren weit aufgerissenen Augen zu den beiden Männern hinsah, wurde sie wieder in diesen Strudel gezogen. Alles wurde schwarz vor ihren Augen. Sie taumelte, fiel halb zurück auf ihren Stuhl, warf dabei den Stuhl scheppernd zur Seite und - war schon wieder im Fallen begriffen!