mediAutoren-Verlag

Phil Coorain, Die Kugel – Leseprobe 2

(aus Kapitel 42)
Samstag, 14. Juli, etwa 18:30 Uhr
Die Hütte bei Kiefersfelden

Stella wusste, dass es vernünftig gewesen wäre, ihre Mutter anzurufen, nachdem die Polizisten gegangen waren. Doch sie brachte es nicht fertig, den Hörer in die Hand zu nehmen. Sie wusste, dass sie weinen und schwach werden würde, wenn sie ihre Mutter anrief. Sie würde sie bitten, herzukommen und sie abzuholen oder ihre Mutter würde ihr raten, in den Zug zu steigen und zu ihr zu kommen. Das alles wäre vernünftig, aber sie würde es nicht durchstehen.

Sie musste hier raus! Sie war gerade noch klar genug im Kopf, um nach dem Schlüssel auf dem Tisch zu greifen und schon rannte sie ziellos hinaus, Richtung Wald. Erste Tränen stiegen auf, während sie noch versuchte, den Waldpfad zu erkennen und ihm zu folgen. Doch schon bald taumelte sie halbblind durch das Gestrüpp und hatte den Weg verloren. Irgendwann ging es nicht weiter. Stella warf sich auf den Waldboden, blind für ihre Umgebung. Rein intuitiv hatte sie einen Fleck ausgewählt, an dem der Waldboden von Moos und einigen Blättern bedeckt und damit weich war. Und ohne Nachdenken hatte sie sich auf ihre rechte Seite fallen lassen, obgleich sie in dieser Situation vielleicht ohnehin keinen körperlichen Schmerz empfunden hätte. Hätte sie sich umgesehen, hätte sie erkannt, dass sie sich in einem Kreis von fünf Eiben, den Bäumen des Todes, befand: zu ihren Füßen zwei Bäume, zu jeder Hand einer und an ihrem Kopf ein Fünfter, der größte Baum des Kreises. Tränen rannen aus ihren geschlossenen Augenwinkeln hervor, gemischt aus Trauer, Enttäuschung, Wut, Verzweiflung, Verlassenheit, Ängsten, Verwirrung und Unsicherheit.

Die Unfassbarkeit des Todes, des Todes eines jungen Menschen, den sie gekannt hatte, dessen plötzliches Nicht-Mehr-Greifbar-Sein ihr Geist nicht wirklich erfassen konnte, schien sie zu überwältigen. Nie mehr würde sie seine warme Stimme hören! Niemals mehr würde er sie berühren, anschauen, nie mehr lieben. Die Trauer schnürte ihre Kehle zu. Schluchzend, glucksend entrangen sich ihr die ersten ungewollten Töne, zuerst in einem leisen Wimmern und Weinen, dann in immer lauteren, durchdringenden Schreien. Niemals in ihrem Leben hatte sie einen Menschen so weinen, so unablässig, so verzweifelt und alleine schreien hören, dass es das ganze Universum zu durchdringen, ja auszufüllen schien. Sie konnte kaum fassen, dass sie selbst es war, die diese Geräusche von sich gab. Doch sie konnte nicht aufhören. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, ehe ihr Weinen leiser wurde, um wieder anzuheben, abzuschwellen. Irgendwann hatte sie das Gefühl, dass sie nicht aufhören wollte zu weinen aus Angst davor, was danach sein würde. Die Stille danach würde sie erdrücken, ihr den Atem rauben, sie vernichten – und so weinte sie noch eine ganze Weile weiter, bis das Aufhören endlich leichter war als das Weiterweinen und in Wimmern, Schluchzen und kurzen Tönen endete.

Bilder und Stimmen mischten sich vor ihrem geistigen Auge. Sie sah das erste Treffen mit Michael, sah sich selbst, naiv-vertrauensvoll, wie sie auf ihn zuging. Sie fühlte sich beschmutzt, missbraucht, nackt, wie in Stücke gerissen. Ihr war übel. Auch eine Dusche von mehreren Jahren würde diese Besudelung nicht bereinigen! Wie hatte sie so vertrauensvoll sein können? Wieso hatte sie nichts gemerkt? Die leere Wohnung, die fehlenden Bilder, kein Telefon zu Hause. Er schien sich niemals wirklich häuslich nieder gelassen zu haben. Vieles war ihr eigentümlich vorgekommen und im Nachhinein schien alles einen Sinn zu ergeben, was sie zuvor an kleinen Merkwürdigkeiten wahr genommen hatte. Was für ein Ausdruck: wahr nehmen! Sie hatte diese Begebenheiten nicht im Zusammenhang gesehen. Sie hatte sich gar nicht die Zeit genommen, inne zu halten, um etwas wahr zu nehmen! Sie war so ver-liebt gewesen. Dann war es aber doch keine Liebe gewesen, oder? Es hieß doch ver-rückt weil man nicht an seinem richtigen Platz stand. Es hieß doch ver-laufen, weil man vom Weg abgekommen war. Es hieß ver-wirrt, weil man ein Knäuel nicht entwirren konnte! Wenn du so verliebt warst, dass du die Wahrheit nicht erkannt hast, dann kannst du nicht wirklich geliebt haben, sagte ihr strenger Intellekt. Dann hast du dich wohl ver-guckt, höhnte es in ihr. Kalte Wut stieg in ihr auf: Wieso hatte sie die Wahrheit nicht gesehen? Konnte sie sich so wenig auf ihre Wahrnehmung, so wenig auf sich selbst verlassen? Was nutzte es, wenn sie im Traum die Vorwarnung erhielt, dass jemand stirbt, wenn sie schlimme Ereignisse vorher sehen konnte, diese aber doch nicht ändern konnte! Und wenn ihre Gabe, die ihr ein Fluch war, sie nicht einmal davor bewahrte, einen geschickten Lügner zu enttarnen und sich selbst vor einer solchen Enttäuschung zu bewahren! Ent-Täuschung, meldete sich ihr Intellekt wieder, da hast du dich ja schön getäuscht.Täuschen lassen, zischte sie ihm Wut entbrannt entgegen, doch sie sah wohl, dass sie damit ihren Teil der Verantwortung nicht wahr haben wollte. Hatte Sie sich so sehr eine Beziehung, Liebe, den Rausch des Verliebtseins oder menschliche Nähe gewünscht, dass sie um den Preis dieses Erlebens alle Warnhinweise übersehen hatte? Nein! Das nun auch nicht. Sie war gar nicht auf der Suche nach einer Beziehung gewesen, als sie Michael begegnet war. Im Gegenteil! Sie hatte gerade angefangen, ihr Alleinsein, die Unabhängigkeit und die kreativen Möglichkeiten, die ihr neuer Job ihr gaben, zu genießen. Eigentlich hatte sie sich stark und zufrieden gefühlt. Nein, den Vorwurf konnte sie sich nicht machen, aber welchen? Sie konnte zu keinem klärenden Schluss kommen.

Jegliches Zeitgefühl war ihr abhanden gekommen. Sie öffnete ihre geschwollenen Augen. Mühsam schaute sie in die Höhe und nahm wahr, dass verschiedene Bäume sie umgaben: Immergrüne und Bäume mit verschiedenem Blattschmuck. Sie nahm die Schönheit ihrer Umgebung wahr und dass es fast dunkel wurde. Wenn sie nach oben blickte, konnte sie ein kleines Loch sehen, ein Stück graublauen Himmel, geformt wie ein Menschenkopf, im Profil betrachtet, dessen Nase nach rechts blickt. Obwohl sie sich niemals Gedanken über ihre Geburt gemacht hatte, stieg bei der Betrachtung dieses Tunnels eine Assoziation an einen Geburtskanal in ihr auf, verbunden mit dem Gedanken, welches Versprechen sie hatte geben müssen – an wen? an das Universum? an ihre Mutter? – um auf die Welt kommen zu dürfen. Ein merkwürdiger Gedanke! Die Trauer schnürte ihr erneut die Kehle zu. Sie sah weiter in dieses Loch am Ende des Tunnels, wurde sich der Schönheit dieser Bäume bewusst, nahm jedes Detail wahr, um dann wieder verschwommen nach oben zu blicken. Und dann geschah etwas schwer zu Beschreibendes: Das ganze dreidimensionale Blätterdach wurde plötzlich wie zweidimensional zusammen geschoben, wie zu einem Netz verwoben aus Fasern, die in ihrer Vorstellung so aussahen, als seien sie eine Art winziger Schnittscheibe eines Blattes, unter dem Mikroskop betrachtet, so dass man die Lichtadern sehen konnte, die Verbindung der Zellen unter- und miteinander. Die Aura des ganzen Flecks wuchs zu einem Ganzen zusammen, schrumpfte, dehnte sich wieder aus, um sich erneut in einem rhythmischem Kommen und Gehen zusammen zu ziehen und zu wachsen. Es sah aus, als ob ein Riese von oben im Himmel auf den Wald herabblickte, wie aus der Adlerperspektive, und ihm beim Atmen zusah. Der ganze Wald pulsierte und sie spürte, wie sie diesen Kanal hoch gesogen und in den Äther gezogen wurde, um diesen Blick von oben selbst zu genießen. Sie sah den Wald atmen! Und dann, während ein Strudel sie weiter weg von der Erde riss – sie konnte es gar nicht fassen – nahm sie sogar die Ausdehnung und das Zusammenziehen der Erde wahr. Es war, als atme die ganze Erde! Und in ihrem warmen, pulsierenden Kern meinte sie, den Herzschlag der Erde, ja vielleicht des ganzen Universums zu vernehmen. Stella verspürte den Impuls, weiter und weiter über diese Waldleiter ins Universum zu gelangen, sich geradezu darin auszudehnen, um dieses Schauspiel staunend zu genießen und sich endlich, endlich im Nichts zu verströmen! Während sie oder das, was an ihr noch Ichgefühl besaß, sich voller Staunen und in einem ungeheuren Glücksgefühl weiter von der Erde entfernte, fühlte sie eine Art Vibration, Ton – nein – Musik durch ihren Körper gehen. Es klang ein wenig wie das „Om“ der asiatischen Heiligen, das sie einmal in einem tibetischen Fernsehbericht, von einer Vielzahl Mönche gesummt, gehört hatte, nur viel tiefer und vibrierender, mehr wie ein Ton aus einem australischen Didgeridoo, dabei jedoch langsamer, gedehnter und von einem merkwürdigen zweiten Ton überlagert, der beinahe wie der Oberton einer überstimulierten Klangschale schrillte. Dann klangen andere Töne mit hinein, höher, durchdringender, metallischer, um von wieder anderen überlagert zu werden. Fast schien es ihr, als hörte sie eine Art kosmisches Orchester, das sein ewiges Lied für sein Publikum – für sie – spielte. Sie hätte auch nicht sagen wollen, dass sie dieses Lied mit den Ohren hörte: Es war eher so, dass sich ihr ganzes Wesen für diesen Ton als Klangkörper zur Verfügung stellte und mit ihm in Resonanz ging. Sie war so davon erfüllt, dass die Grenzen ihres Ichs sich nun endgültig aufzulösen schienen und mit der Milchstraße zu verschmelzen begannen. Sie war Teil des Universums und das Universum war in ihr. Nicht mit ihrem Verstand, mit jeder Zelle begriff sie, dass sie mit allem verbunden war und alles mit ihr. Und Stella verspürte nur noch den Wunsch, mit diesem All all-eins zu sein und hier zu bleiben, Teil davon zu werden und sich im Nirwana zu verlieren.

Ein Rascheln rechts neben ihr ließ sie im Bruchteil von Sekunden zurück in ihren Körper und zusammen fahren – in Erwartung einer lauernden Gefahr. Doch ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr richtig. Sie öffnete mühselig ihre Augen und blickte nach rechts: Gleich hinter der Eibe befand sich eine Linde und an ihrem Fuße machte sich ein kleines, offensichtlich noch junges Eichhörnchen zu schaffen. Mit seinen putzigen, schnellen Bewegungen suchte es im Laub, fuhr sich über Nase und Ohren, war so emsig, dass es den „lebenden Baumstamm“ in seiner Nähe nicht eines Blickes würdigte. Dann hielt es inne, fuhr mit einem Pfötchen unter die Achsel der anderen Seite und sah einem Affen, der sich lauste, dabei nicht unähnlich. Die Bewegungen der einen Pfote wurden dabei immer schneller, so dass Stella nur noch die Umrisse wahr nahm. Das Ganze sah so urkomisch aus wie aus einem Cartoon, dass Stella, zwischen Unglauben und Faszination gefangen, beinahe vor Lachen herausgeplatzt wäre.

Erst dabei bemerkte sie, dass sie – wohl ob der Schönheit der Bilder draußen im Universum – aufgehört hatte zu Atmen und sich mühte, ihren Brustkorb zum Einatmen zu bringen: erfolglos. Etwas wie Panik stieg in ihr auf. Atme, dachte sie. Sie hatte einmal gelesen, dass Mensch und Baum voneinander abhingen. Die Menschen erhielten den Sauerstoff durch die Bäume, die Bäume benötigten im Gegenzug unser menschliches Kohlenmonoxid zum Leben. Dieser Gedanke fuhr ihr wieder und wieder durch den Sinn. Wenn sie nicht ausatmen, können wir nicht einatmen. Wenn wir nicht ausatmen, können sie nicht einatmen. Atme endlich, befahl sie sich, doch es ging nicht. Atme aus! Wenn du aufhörst, auszuatmen, wird ein Baum sterben! Atme! Stella spürte, wie die Panik sie zu lähmen drohte. Keine Wunder, dass man in Deutschland für alles ein Diplom braucht, dachte sie ironisch, was sie erneut verwirrte: Zynismus war bisher keine ihrer bekannten Eigenschaften! Sie schob es auf die sich ausbreitende Panik. Und als sie sich bildlich vorstellte, wie sie wegen Fliegens ohne Führerschein im Universum von einer imaginären Air-Police mit strengen Mienen zu einem Strafmandat verdonnert wurde, musste sie unwillkürlich prusten. Und plötzlich ging es: Mit einem Röcheln holte sie Luft. Frische, klare Abendluft strömte in ihre Lungen! Das Klarste und Schönste auf der Welt, wie ihr nun schien und sie ließ den Hauch des Lebens dankbar durch ihre schmerzenden Bronchien ein- und ausströmen.

Langsam nahm sie ihren eigenen Körper, sich selbst in ihrer Gesamtheit, wieder wahr. Es dauerte noch einige Minuten, bis sie in der Lage war, ihre Arme und Beine wieder zu bewegen und sich zu erheben. Sie hatte ein wenig das Gefühl, das Leben sei ihr neu geschenkt worden – und es zeigte seine Farben noch prächtiger als zuvor. Aus einem Impuls heraus hatte sie das Gefühl, etwas hier lassen zu sollen: ein Geschenk, ein Zeichen ihrer Dankbarkeit. Ring und Ohrring trug sie nicht. Den Schlüssel konnte sie nicht hierlassen und ihre nassen Tempotaschentücher wären wohl kein Ausdruck ihrer Dankbarkeit gewesen – auch wenn die Erde ja bekanntlich Feuchtigkeit benötigte -, dachte sie, schon fast wieder mit einem Anflug von Humor als Beweis ihrer Lebendigkeit. Sie war einfach losgerannt, hatte nichts außer sich selbst und ihrer Kleidung dabei. Ohne Erklärung für ihr Tun, aus einem Impuls heraus, griff sie unter ihr Haar am Nacken und riss ein Bündel heraus. Sie spürte keinen Schmerz, nur Entschlossenheit. Liebevoll, beinahe zärtlich legte sie es unter einem größeren Blätterhaufen in Armweite ab und strich behutsam mit der Rechten über den Haufen Moos und Blätter. Dann wandte sie sich um und nahm den Heimweg mit festen, entschlossenen Schritten auf. Sie wusste nicht, wohin dieser Weg sie führen würde, doch sie wollte die Herausforderung annehmen: Sie würde herausfinden, was mit Michael geschehen war und welche Bedeutung diese Frau hatte, die sie in ihrem Traum und dann am Helikopter gesehen hatte! Die Frage war nur: Wie?