mediAutoren-Verlag

Phil Coorain, Die Kugel – Leseprobe 3

(aus Kapitel 64)

Und aus einer Eingebung heraus beschloss sie, sich nicht sogleich über Land auf den Weg nach Béziers zu machen, sondern bog kurz hinter Montpellier Richtung Frontignan und Sète ab. Sie liebte das Meer. Es kam ihr einfach verrückt vor, nur wenige Kilometer vom Meer entfernt zu sein – und seiner Schönheit nicht gebührend Tribut zu zollen. Sie wusste, sie würde es nicht wirklich genießen können, aber sie wusste auch, dass sie es sehen musste! Es war wie der Besuch bei einer lieben alten Freundin, die nicht verzeihen würde, dass man ihr keine Stippvisite abgestattet hatte…

Schon wenige Kilometer außerhalb der Stadt konnte sie das Meer riechen. Sie liebte diesen Geruch nach Salz in der Luft! In einem früheren Leben musst du ein Delphin gewesen sein, hatte Michael sie lachend aufgezogen, wenn sie ihm im See davon schwamm. Er war kein guter Schwimmer: Tiefes Wasser machte ihm Angst und man merkte es ihm an. Michael – es schien eine Ewigkeit her, dass er aus ihrem Leben verschwunden war. Sie war froh, als sie das Meer in der Ferne aufblitzen sehen konnte, um sich von trüben Gedanken abzulenken. Das silberne Glitzern der Lichtflecken erinnerte sie an den Tanz der Meerjungfrauen oder erschien ihr wie ein neckisch-liebevolles Spiel der Wellen mit den Delphinen. Diese Farbenpracht: Von samtenem Himmelblau über bleiernes Silber bis hin zu sämtlichen türkisblau changierenden Tönen konnte das Meer jede Farbe annehmen. Es war ihr nicht bewusst, dass ihre Augen dies ebenfalls taten und dass diese Analogie vielleicht ihre Affinität zum nassen Element erklären mochte: Im Licht der Sonne erschienen sie dem Betrachter grün mit goldenen Tupfern. An grauen oder regnerischen Tagen hatten sie die Farbe eines kanadischen Gletscherbaches und in der Dunkelheit wirkten sie wie Bernstein mit Smaragdeinschlüssen. Unter den Steinen hätte vielleicht einzig ein Turmalin es mit ihrer wechselnden Farbenpracht aufnehmen können. Doch was ihnen wirklich Ausdruck verlieh, waren Himmel und Hölle desjenigen, der alles im Leben – oder in zahlreichen Leben? – gesehen, durchlebt und durchlitten – und sich dennoch eine reine Seele bewahrt hatte.

Sie hielt einen Augenblick an und genoss die Weite: Der Blick konnte ohne Unterbrechung in die Ferne schweifen, zärtlich wie der Pinsel eines Malers über seine Leinwand fuhr, ein fernes Boot oder die graue Silhouette einer am Horizont liegenden Insel streifen und sich im übergangslosen Blau zwischen Himmel und Meer verlieren. Wenn ich jemals meditieren und dabei lernen müsste, an Nichts zu denken, dann würde ich mir dazu den Blick aufs Meer aussuchen, dachte sie. Wo sonst käme die Zeit zum Stillstand als hier beim Blick in die Ewigkeit des Ozeans!

Schweren Herzens riss sie sich von diesem atemberaubenden Anblick los. Sie hatte ein Ziel! Nun gab es kein Zurück mehr, keine Hoffnung auf weitere Verzögerungen oder Verschnaufpausen. Auf in die Pyrenäen, machte sie sich selbst Mut, während ihr Solar Plexus sich krampfend zusammen zog. Sie kurbelte das Fenster zu beiden Seiten herunter und ließ sich das Haar von Fahrt- und Südwind durchwehen, als könnten diese die schwer lastenden Gedanken in ihrem Gehirn mit sich fort nehmen. Richtung Toulouse und dann die N20, hatte sie sich gemerkt. Der Rest stand auf ihrem Zettel. Entschlossen biss sie die Zähne zusammen und kehrte dem Meer den Rücken zu.